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Flöz Leipzig: 2. September - 7. Oktober 2023

 

Das Programm zur Ausstellung "Flöz Leipzig" wird unter anderem von Dieter Kalka ausgestaltet. Der Meuselwitzer Autor und Musiker begann 2021 die Gedichte von Wolfgang Hilbig zu vertonen, einige dieser Lieder stellt er am 15. September (siehe Programmflyer unten) vor.

 

 

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23. Juli, Erfurt: "Alte Abmeyerei"

Clemens Meyer startet am 20. Juli in Leipzig seine Lesereise durch die Literaturhäuser. Mit dem Programm "Alte Abmeyerei", einer Textcollage Hilbig-Meyer ist er im "Internationalen Wolfgang-Hilbig-Jahr 2021" unterwegs. Längst eine ganz eigene starke Stimme, ist für Clemens Meyer dennoch Wolfgang Hilbig immer ein starker Einfluss gewesen, was an diesem "zweistimmigen" Abend greifbar wird.

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"Der Dichter der Nacht"

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Texte

Beim Klick auf die Texte erscheint ... mehr.



Gedichte

 

episode

im düstern kesselhaus im licht
rußiger lampen plötzlich auf dem brikettberg
saß ein grüner fasan
                              ein prächtiger clown
silbern und grün den leuchtend roten reif am hals mit
unverwandtem aug mit dem großen gelben schnabel aufmerksam
zielte er auf mich
                         so war er herrlicher und schöner
als ein surrealistischer regenschirm auf einer nähmaschine
wie er dort saß genau und furchtlos verirrt
auf seinem schwarzen gipfel

konversation fand nicht statt
ich bewegte mich und er flog davon durch die offene tür
doch von weit her den geruch der sonne den duft
seines farbigen gelächters ließ er hier in der nacht
und ich verwarf alle mühe das leben mythisch zu sehen

und als das kausale grinsen meines kopfes
von energie und frost gefressen in die nacht verschwand
glaubte ich nicht mehr an den untergang
der wahrnehmungen in der finsternis.

Wolfgang Hilbig: Werke, Bd. 1, 2008, S. 79

 

 geste

Wolfgang Hilbig: Werke, Bd. 1, 2008, S. 35

Interview

Im Sommer 2021 erscheint "Wolfgang Hilbig: Essays, Reden, Interviews", der Abschlussband der Werkausgabe - darin dieses bislang unveröffentlichte Interview von Karl Corino mit Wolfgang Hilbig aus dem Jahr 1984. Wir danken dem S. Fischer Verlag, der S. Fischer Stiftung und Karl Corino für die freundliche Genehmigung des Vorabdruckes:

Interview_1984

 

Alte Abdeckerei

Ich besann mich auf ein Flüßchen hinter der Stadt, ein seltsam schimmerndes, an manchen Tagen fast milchfarbenes Gewässer, das ich kilometerweit verfolgt habe, einen Herbst lang oder noch länger, vielleicht nur, um einmal hinauszukommen aus einem Territorium, das, wenn ich es endgültig sagen soll, von den Grenzen meiner Müdigkeit eingeschlossen war. Und ich folgte diesem Weg wie unter lautlosem Flügelschlagen; wenn es dunkel wurde, begann ich mit einem Schrecken zu rechnen, vielleicht mit einem markerschütternden Schrei, nach welchem Stille eintritt? … nichts dergleichen, die Ruhe hinter Stadt und Wald war das stete Dasein winziger Geräusche. Äcker, Wiesen, Brachflächen, wie sie von beiden Seiten heranschwollen im Dunst der immer trüberen Tage, schienen das Flüßchen über manche Strecken zu einem bloßen Rinnsal zu drosseln; oft glich es der bläulichen Klinge eines langen geraden Messers, das durch entzweigeschnittenes Gelände fuhr, man meinte die langgezogene Wunde noch dampfen zu sehen.

 

Die Kunde von den Bäumen

Was weiß ich schon noch, sagte Waller, von den Wirren, die über mich kamen, als ich versuchte, meine ersten Geschichten zu verfassen. Hier stocke ich sofort: damals hätte ich es nicht gewagt, mich so auszudrücken! Dieses Verfassen von Geschichten bestand in der andauernden Übung, Wörter durchzustreichen, die ohne mein Zutun aufs Papier geraten waren. In einer Art Tollheit, schien es, hatte ich sie hingesetzt – und ich fand ganze Zeilen, ganze Abschnitte voller Wörter, die nur auf solche Art entstanden sein konnten: nur das Gezweig der Verbindungswörter konnte ich akzeptieren –, und plötzlich war es, als habe wer, ein anderer als ich, das Licht einer Lampe darauf gerichtet: wenn ich sie überhaupt noch lesen konnte, meine Wörter, dann waren sie das erdenklich Falscheste an Ausdruck für das, was ich eigentlich benannt haben wollte.

 

Das Provisorium

In Nürnberg, in der zwiespältigen Beleuchtung einer Boutique, war ihm plötzlich etwas geschehen: als er die flach gestreckten Stufen zum Souterrain hinunterstieg, um eine enger werdende Windung der Treppe, die eine Art Wendeltreppe war, unhörbar auf dem Teppich und mit unrhythmischem Schritt, da die Stufen ungleich lang und irritierend waren, hatte er sich auf einmal von hinten angegriffen gefühlt. Ein matter Schatten überholte ihn, er ahnte einen gegen sich erhobenen Arm, bewaffnet oder nicht, und gedankenschnell wirbelte er auf den Absätzen herum. Im nächsten Moment war er erstaunt, wie prachtvoll seine Instinkte noch funktionierten. Automatisch flog ihm die Linke aus der Hüfte, übercrosste den drohend erhobenen Arm und knallte trocken auf einen Kinnwinkel, den er noch gar nicht recht im Auge gehabt hatte.

 

 

  1. Für Wolfgang Hilbig lesen Wolfgang Hegewald und Dieter Kalka
  2. Veranstaltungen 2020
  3. Wolfgang Hilbig: Sphinx
  4. Porträt X

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Wolfgang Hilbig im Orginalton mit seinem Text "Der Leser" am 22. Juli 2002 im Hörspielstudio 2 im Berliner Funkhaus Nalepastraße, wo im Auftrag von MDR KULTUR die Aufnahmen für das Hörbuch "Der Geruch der Bücher" in der Redaktion und Regie von Matthias Thalheim stattfanden. Dieses Gedicht gelangte damals nicht in die zeitlich limitierte Auswahl der CD. – Matthias Thalheim macht es hier erstmals der Öffentlichkeit zugänglich.
Wolfgang Hilbig liest: Der Leser
Auch die Aufnahme des Gedichtes "geste" – eingesprochen von Wolfgang Hilbig 2002 im Berliner Funkhaus Nalepastraße und bislang unveröffentlicht – wird hier zum 80. Geburtstag des Dichters von Matthias Thalheim erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Wolfgang Hilbig liest: geste
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