Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft e.V.

Bevor geredet wurde, erklangen Bob-Dylan-Songs auf der Trompete, gefolgt von zwei lyrischen Stücken: Thomas Busch spielte "Blowin' in the wind" und "The times, they are a-changin'", Tina Neumann rezitierte "Ihr habt mir ein Haus gebaut" und "Unsicheres Ufer (M.)" - beides so ausdrucksstark und ergreifend wie der Anlass, der die etwa 80 Zuhörer in die Meuselwitzer Rudolf-Breitscheid-Straße führte: Der Gedenkstein für den Schriftsteller Wolfgang Hilbig wurde enthüllt.

Zum Festakt am 2. Juni waren Hilbig-Leser aus ganz Deutschland, Vertreter des Literaturbetriebs, Künstler, Bergleute und viele andere gekommen, die vom Vorstand der Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft Leipzig und dem Meuselwitzer Bürgermeister Udo Pick begrüßt wurden. Pick versprach, das nun quasi in Stein gemeißelte literarische Erbe der Stadt zu pflegen, die Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft e. V. dankte allen, deren Sach- und Geldzuwendung den Gedenkstein ermöglichte: der Stadt und der MIBRAG, der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten, der S. Fischer Stiftung, dem Sponsor Rainer Geweniger, den Meuselwitzer Langzeithelfern Joachim Assel und Eberhard Hanisch und den weit über 50 privaten und institutionellen Spendern.


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Der Bildhauer Carsten Theumer enthüllte das Erinnerungskunstwerk, das, wie Schriftsteller Wilhelm Bartsch in der furiosen Festrede deutlich macht, seinerseits das ästhetische Konzept eines Wolfgang Hilbig aufgreift - als komplexes "Zitat" physischer und literarischer Herkünfte. Beginnend mit Sehnsuchtszeilen des jungen novalislesenden Hilbig aus "Die Sommersee" lässt Bartsch Meeresstille und Sturm, Maschinengewehrsalven, Granatexplosionen, Schlamm und Leichengestank über den Anwesenden zusammenschlagen, verwandelt die sommerlich glänzende Heimatstraße Hilbigs in eine Schreckensvision, dazu angetan, "Vers-Trümmer" zusammenzusetzen, das Hässliche zu hinterfragen und allzu glatten Spiegelbildern zu misstrauen: Auf Sie kommt es an, denn Sie alle hier sind "erweiterte" Autorinnen und Autoren, wie Novalis zu Recht die Leser nannte! [...] Wie Sie wissen, macht es uns Hilbig mit seiner Kunst zuweilen nicht gerade leicht. Dazu ist Kunst ja auch nicht da.

Nach und nach macht Bartsch aus dem einsamen Floß des Dichters ein Segelschiff, das eine ganze Stadt trägt:

Hilbigs Meuselwitz [...] wird hier zu einer Odyssee: "Hinter zaunpfählen aus verrosteten panzerfaustrohren/ [...]  schattenwracks/ kenterten mastlos in glühender see" [...]  und "seeflächen gleich flammten die fenster". Am Ende der Straße dann die Gärten, die Braunkohlenseen und Wälder, dort ist es Hilbig wie Homer möglich, "aller meere form zu schauen in einem: o durch ein waldauge …" [...] in seiner Heimatstraße, von seiner Heimatstraße aus fährt Hilbig zur See [...] in seiner scheinbar so mickrigen Straße in einer eher kleinen mitteldeutschen Braunkohlenstadt ein Fahrensmann auf unbekannten Meeren, "wo wasser und asche sich gatteten". [...]
Hilbig reiste erstaunlich sicher auf dem Rettungsfloß seiner Miseren, und allein sein Unstern ließ ihn nicht untergehen. Ich sehe ihn auf seinem Floß, mit der Musik von Bob Dylan im Ohr. Hilbig hat erst gar kein Sehnsuchtsziel, nur sein Floß, das wie ein Flügelschuh ewig neu zu bindende.

Bei Hilbig gelten die reziproken Gesetze des Widerborstens, des Widersprechens und des Widerstehens, wie sie wohl nur auf einem Rettungsfloß gelten: je aussichtsloser, umso erlösender, je hässlicher, umso schöner, je niedriger, umso höher, je nächtiger, umso hellsichtiger.
Wie schrieb Peter Sloterdijk erst jüngst? "Nur der Versunkene hat den Glauben an die Sprache verloren. Die Sprache war das Boot, das über das Mittelmeer des Daseins trug."
Die Stadt Meuselwitz ist in diesem Sinne seetüchtig geworden. Unter Hilbigs Segel könnte sie sogar auf Große Fahrt gehen."

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Das Publikum ist eingestiegen. Am Steuerrad lehnt jetzt ein Mann mit Gitarre und Bandoneon: Dieter Kalka, Poet und Liedermacher, lässt den Zuhörern Zeit, die soeben durchreisten Jahrhunderte zu begreifen - mit leisen und immer fröhlicher werdenden Klängen und Versen, mit denen die große Fahrt der kleinen Stadt gefeiert wird. Hier lebte und schrieb Wolfgang Hilbig 38 Jahre lang. Die Fleischerei gegenüber, in der man sich gut an ihn erinnert und in der schon Großvater Kasimir kaufte, liefert Bier und Bratwurst dazu.

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Fotos: V. Hanisch (1-5)/ H. Neubauer (6)

 

Pressemeldungen:

Osterländer Volkszeitung vom 1. Juni 2019

Osterländer Volkszeitung vom 4. Juni 2019

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