Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft e.V.

Seit Kurzem hat das "Literaturland Thüringen" seine virtuellen Pforten geöffnet. Die Internetseite lädt unter anderem zu interaktiven Spaziergängen ein, auf denen man Goethe in Weimar, Storm in Heiligenstadt, Ror Wolf in Saalfeld oder Wolfgang Hilbig in Meuselwitz besucht. Im Falle Hilbigs begibt man sich auf eine atmosphärische Doppelexpedition: Meuselwitz als biografischer und literarisierter Ort. Hilbig, wie er in Meuselwitz, und Meuselwitz, wie es in Hilbig lebte.

Autor Volker Hanisch, stellvertretender Vorsitzender der Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft e. V., macht den Stadtrundgang zu einer konsequenten "Zusammenschau von Historisch-Biografischem einerseits und Literarisiertem andererseits" – jede der zehn Stationen wird als Lebenstation Hilbigs vorgestellt und im literarischen Zitat gespiegelt.

Station 1 "Das Geburtshaus" informiert über das Zusammenleben im Bergarbeiterhaus Rudolf-Breitscheid-Str. 19 b, dann folgt, aus der Erzählung "Der Brief" von 1981, die literarische Ortsbeschreibung:

Ich komme aus einem Viertel – dort in dieser Kleinstadt, die mich ausgeworfen hat –, in welchem die ungelernten Arbeiter wohnten. Es war eine Bergarbeitersiedlung, die Häuser, mit ihren schlechten, aber billigen Wohnungen, gehörten dem Bergwerksamt […] es war das Viertel [...], wo das Straßenpflaster aufhörte und der Braunkohlenschlamm anfing [...] die üble Gegend, die den Bürgern unheimlich ist und in der unsereins qualmige Herdgerüche schnüffelt.

Station 10 "Das Stadtzentrum" befasst sich unter anderem mit Hilbigs Untersuchungshaft 1978. Die Verbrennung einer DDR-Flagge am Meuselwitzer Stadthaus bot dem Staatssicherheitsdienst einen Anlass, Hilbig als vermeintlichen Übeltäter festzunehmen und nach seinen Kontakten in die BRD zu befragen. Dazu ein Resümee aus dem Roman "Eine Übertragung":

Wahrscheinlich mußte ich erst im Gefängnis landen, ehe ich bemerkte, daß das beharrliche Zurückbleiben in meiner Geburtsstadt dazu angetan war, mich zu vernichten. [...] Es war nur mit scheinbar kontroversen Begriffen auszudrücken: soweit ich mich zurückerinnerte, war diese Stadt, die mein Heim war, für mich eine unheimliche Stadt gewesen.

So werden Zusammenhänge zwischen Leben und Werk sichtbar. Beeindruckend ist die auf den exakt recherchierten lebensgeschichtlichen Fakten fußende Passgenauigkeit zwischen Örtlichkeit und dazu ausgewählten Werkzitaten, die jeweils klar macht: Jene unheimlichen Visionen, die einen weiten fantastischen Raum öffnen, entsteigen dem vertrauten Kleinstadtmillieu, in dem sich nahezu alles – Gebäude, Straßen, Bäume, Briefkästen, Tische und Stühle – an dem Platz befindet, den es im realen Leben des Schriftstellers tatsächlich hatte.

Den Briefkasten, den "Der dunkle Mann" (2002) observiert, betrifft das ebenso wie den Bäckereihof, auf dem Selbiger erdolcht und das Kesselhaus, in dem seine Leiche entsorgt wird – zu besichtigen an Station 4. Oder den Betriebsteil 6, den Betriebsteil der phantasierenden Trunkenbolde ("Die Erinnerungen", 1996). Er ist mit Station 9 der einzige Ort dieser umfassenden Stadtführung, den man nicht zu Fuß erreichen kann. Als Entstehungsort des berühmten Gedichts vom Kesselhausfasan ist Werksteil 6 der ehemaligen Maschinenfabrik in Wuitz-Mumsdorf aber die Mühe des Besuches wert. (Wer im Übrigen irgendwann einmal einen Rasenmäher Marke Trolli besaß, kann an Station 9 auch diesem historischen Kleinod gedenken.)

Ganz neu in der Hilbig-Forschung ist die Erkenntnis, dass es in Meuselwitz tatsächlich eine "Alte Abdeckerei" gegeben hat, die noch vor der Tierkörperverwertungsanstalt Ponikau (Motiv in "Der Durst", 1982) in Betrieb war. Wo die alte Abdeckerei in etwa stand, erfahren Sie bei diesem lohnenden literarischen Stadtrundgang, der am Bildschirm oder auch per pedes vorgenommen werden kann. Die Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft wünscht allen Spaziergängern eine interessante Zeit in "M." und dem "Literaturland Thüringen" (www.-literaturland-thüringen.de) viele Besucher.

 

"Auf den Spuren Wolfgang Hilbigs in Meuselwitz"

- hier geht's zum Rundgang