Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft e.V.

Am Sonntag, dem 23. März, um 18 Uhr erklingen "Jazz und Lyrik" im Schloss Markkleeberg - mit Torsten Walther am Saxophon und Thomas Böhme am Gedicht. Böhme liest aus zwei Büchern, die Sprachrelikte samt ihrer Lebenswelt unters phantastische Vergrößerungsglas nehmen: In "Heikles Handwerk" vagabundieren verschwundene Berufsstände - wie Abdecker, Barbier, Besenbinder, Laternenanzünder, Lumpensammler, Nachtwächter und Notenstecher - durch die alphabetische Ordnung des Buches, in "101 Asservate" überdauern der Dünkel, der Garaus, das Kerbholz und auch so manches Unterpfand zwischen Gestern und Heute.


Warum Thomas Böhme Hilbig-Leser interessieren kann?
Den beiden Lyrikbänden ist zweifellos Böhmes unverwechselbare Stimme eigen, die mit Wehmut und Scharfsinn Verlorenes und Morbides "aufs Glatteis des Gedichtes führt". Und während Wolfgang Hilbig das Attribut "sprachgewaltig" erhielt, darf man Böhme als Meister des Filigranen bezeichnen, als einen Eulenspiegel an den Wundrändern unseres Sprachgedächtnisses - das allerdings beide Dichter mit gleicher Konsequenz durchleuchten. Beide entstammen einem kulturellen Mikrokosmos im Leipzig der 1970er- und 80er-Jahre, der eine spezielle Poetik hervorbrachte, die sich bis heute fortschreibt: Sie zeichnet sich dadurch aus, dass das Dunkle, Unerklärliche, ja Absurde unserer Existenz immer an die Sprache zurückgebunden wird. Immer werden Sprache und gesellschaftliche Wirklichkeit in ihrem untrennbaren Zusammenhang reflektiert. Gespenstische Phantasmagorien der Seele entstehen daraus bei Wolfgang Hilbig, in Jayne-Ann Igels "Berliner Tatsachen", ihren Traumstücken oder in Thomas Böhmes jüngstem Roman "Der Schnakenhascher". Wenn Böhme sich hingegen der kürzeren Form bedient, geschieht etwas ebenso Wunderbares: Der karnevaleske Aufmarsch unserer eigenen Sehnsüchte verliert an Bedrohung und gewinnt mit jeder Pointe (am Sonntagabend vom Klang des Saxophons verstärkt) melancholische Alltagstauglichkeit ...


EIN GLOCKENGIESSER schreitet über Stoppelfelder
Irgendwo erwartet ihn seine Schwester.
Er ähnelt ihr, sein Herz jedoch ist viel weicher als ihres.
In den Dörfern hocken die Alten.
Sie grüßen in alle Richtungen.
Hühner scharren im Dreck.
von den Wänden bröckelt Lehm
und die Schindeln der Dächer sind durchgefault.
Die Schwester trägt einen Brief in ihrem Strumpfband
den Brief aus Löschpapier und nicht mehr zu entziffern.
Wenn er an ihrem Schenkel reibt, stöhnt ganz Rußland:
Wann endlich kommt der Erlöser
und ist er am Ende so blond wie der sanfte Wladimir?
Die Herztöne rinnen wie Wachs von den Glocken

EIN MILCHMANN reibt sich verwundert die Augen
als er am Brooklyn auf Polnisch gefragt wird
ob er nicht ein gewisser Kosslowski sei.
Er verneint. So kommen sie ins Gespräch -
der Pfandleiher aus Lublin und er
der unter drei Fahnen gedient hat.
Nach dem dritten Wodka sind sie per du.
Nach dem fünften Wodka beschließen sie
zusammenzuziehn, nach dem siebten
liegen sie sich in den Armen, singen.
Weißt du noch, wie wir den Milchwagen kippten?
Eine Milchstraße für uns Kinder allein!
Ja, jetzt erinnert er sich genau.
Sein Fausthieb hat Mumm.


Veranstaltung

23. März, 18 Uhr "Jazz und Lyrik" im Schloss Markkleeberg (Kirchstr. 42),
Eintritt 6 Euro

 

Zu den genannten Büchern

"Heikles Handwerk. 66 Fallstudien" - hier mehr darüber


 "101 Asservate. Alter Worte Welt" - hier mehr darüber

"Der Schnakenhascher" - hier mehr darüber